Die Castroper Ulanen
Geschrieben von: Franz H. Veuhoff   

Ein Aufmarsch Castroper, Mengeder und Netter Schützen im Jahre 1842

Preußens Majestäten Friedrich Wilhelm IV. und Königin Elisabeth Ludovika hatten sich in der alten Reichsstadt angesagt. Dortmund war aus dem Häuschen und fieberte dem großen Ereignis entgegen. Seit Tagen kannten die Zeitungen kein anderes Thema, und zum Besuchstag widmete das „Wochenblatt für Stadt und den Kreis Dortmund“ dem Regentenpaar die gesamte Titelseite. 

Die Stadt war mit Girlanden, Grün, unzähligen Fahnen und Ehrenbögen geschmückt. Der 27.08.1842 war der große Tag für Bürger, Stadtvertretung und die Besucher aus den umliegenden Bauerschaften. Nur verständlich, dass diesem Festtag noch Artikel in den folgenden Auflagen gewidmet wurden. Das Wochenblatt schrieb z.B. am 28.08.1842:

Der gestrige Tag war für die Stadt Dortmund ein seltener und schöner Festtag. Ihre Majestäten hatten einer Einladung der Stadtbehörden zufolge allergnädigst zugesagt, auf der Reise durch Westphalen den Weg über Dortmund zu machen und bei uns das Frühstück anzunehmen. ... Wie groß und feurig die Begeisterung nicht bloß in der Stadt, sondern auch in der Umgegend war, mag unter andern auch der Umstand beweisen, daß sich in den benachbarten Dorfschaften ein zahlreiches berittenes Lanzierkorps in Landestracht gebildet hatte, welches am Morgen mit seinen Trompetern in die Stadt einrückte ...

Die Aufklärung um dieses schmucke Korps lieferte folgende Leserzuschrift:


Mengede, den 12. September 1842

Gestern wohnte ich zufällig, da mich auf einer Geschäftsreise mein Weg durch diesen Flecken führte, einem sehr munteren Feste bei, das vor der Behausung des Kaufmann Herrn Vogt [1], vor welcher den ganzen Tag hindurch die große Nationalflagge flatterte, statt fand, veranlaßt durch die wohlwollenden, gnädigen Aeußerungen Seiner Majestät, unsers Allergnädigsten Königs Friedrich Wilhelm IV. über das Ulanen-Corps aus den Gemeinden Mengede und Castrop bei Höchstihrer Anwesenheit in Dormund am 27. August d. J., wovon Aller Herzen noch voll waren.

Dieses berittene Corps, 80 Mann stark, befehligt von dem Oekonom Herrn Bölling, war nämlich am genannten Tage des Morgens früh nach Dortmund gezogen, wo ich es bei seinem Einzuge sah, und zwar in 4 Zügen, denen 6 Trompeter voranritten. Dasselbe ganz gleichmäßig in seiner Landestracht gekleidet, mit seinen schönen Lanzen war wirklich ein prächtiges Corps, und fand allgemeinen Beifall, obschon Einige es mit neidischen Augen ansahen, wie ich aus ihren Ausdrücken darüber gemerkt habe. Von Dortmund ritt dieses Corps nun Ihren Majestäten bis auf die Höhe vor Hörde entgegen, wo es in Parade-Aufstellung Höchstdieselben erwartete; und nachdem Allerhöchstsie, das genannte Corps sehr freundlich grüßend, vorbeigefahren waren, folgte es dem Wagen nach Dortmund wo es sich auf dem Markte so aufstellte, daß es den Tausenden, von Zuschauern die Aussicht auf das Oberbergamt-Gebäude,[2] wo Ihre Majestäten abgestiegen waren, nicht benahm. Mehrmals hat sich Seine Majestät der König sehr beifällig und mit sichtbarem Wohlgefallen über dies schöne Corps geäußert; besonders gefiel Allerhöchstdemselben, wie auch Höchstdessen ganzer Umgebung außer andern die Tracht dieses Corps in Kitteln, so daß Höchstderselbe mehrere Dutzend dieser Kittel bestellt hat, um sie auch in Schlesien einzuführen, wie ich alles iheses aus ganz sicherer Quelle erfahren habe. Dies war denn auch die Ursache, daß sämmtliche Ulanen, wonnetrunken über die gnädigen Aeußerungen Seiner Majestät des Königs sich gestern in dem mit dem Bildnisse Allerhöchstdesselben und mit den Ulanen?Lanzen gezierten Saale des Herrn Vogt zu einem frohen Feste versammelten. ? Ungetrübte Freude herrschte den ganzen Abend in dieser Gesellschaft, der sich mehrere Honoratioren angeschlossen hatten, und unter dem lautesten Jubel wurden mehrere Toaste auf das Wohl Ihrer Majestäten ausgebracht. ? Erst spät trennte sich die Gesellschaft, innigst vergnügt, und beim Weggehen dachte ich bei mir: Möchten doch allenthalben die Bewohner so einig untereinander sein, wie hier.


Saal der Gaststätte des Kaufmanns Vogt, später: „ Mengeder Hof“, auch nach dem Krieg unter „Tittmann“ bekannt; abgebrochen in den 50er Jahren











Netter und Mengeder Bürger waren 1842 ausgezogen, um „Ihrer Majestät“ zu huldigen. Grete Corzilius beschreibt im Mengeder Heimatspiegel [3]  die Ulanen: Sie waren samt und sonders in die noch übliche Volkstracht gekleidet, blauer Kittel, am Hals eine weiße, feingefaltete Spitzenkrause und die Brust zierte ein Blumensträußchen. Die Ärmel hatten silberne Knöpfe, auf dem Kopf saß die schwarzseidene Mütze und die grobleinene Hose steckte in blitzblanken Schaftstiefeln. Für das große Ereignis in Dortmund hatten Gisbert Bölling aus Nette 62 Lanzenstangen und die Mengeder Zacharias Sasse 61 Riemen und Schärpen, Gisbert Graßmann den Anstrich der Lanzenstangen und Heinrich Küper Flaggen, Schärpen usw. geliefert. Aus Castrop beschafften Sattler Friedrich Schober 24 Stück Lanzenschuhe und -riemen und Gustav Busch 23 Lanzenfahnen und 27 Mützenbänder und Kokarden. Noch einige Male war Seine Majestät in Westfalen, und am 26. September 1847 konnte der Schlossherr in Bodelschwingh den hohen Gast begrüßen. Die Köln-Mindener-Eisenbahnstrecke war vollendet und mit dieser Eisenbahn erreichte Wilhelm IV. Mengede. Baron Gisbert von Bodelschwingh-Plettenberg empfing den König auf der Oestricher Seite des Mengeder Bahnhofs. Zur Erinnerung an den Empfang - der erste Bahnhof lag noch nördlich der Bahn - trug eine Gaststätte zwischen Bahnübergang und Einfahrt zur Schachtanlage Hansemann den Namen „Königshalt“ [4] . Auch an diesem vielleicht größten Tag des Mengeder Gemeindelebens im frühen vorigen Jahrhundert war Bölling mit „seinem“ berittenen Corps wie in Dortmund zum Ehrendienst zur Stelle.


Der Ulan lebte als Castroper Husar in der Erinnerung fort, meinen die Einen. Für die Anderen und die Castroper Geschichtsschreibung blieb die Herkunft der Bezeichnung bis heute ungeklärt. Fest steht allerdings, dass „Castropper Husaren Vereine“ bis ins Bergische Land hinein gegründet wurden. Ein volles Jahrhundert war der „Husar“ ein Begriff in Rheinland und Westfalen für alle Leute, die keine Soldaten geworden waren. „Er hat bei den Castroppern gedient“ hieß zu Zeiten der allgemeinen Wehrpflicht der „Nichtgezogene“. Fremde frotzelten die Bewohner unserer Heimat: „ob sie immer noch die Raupen vom Kappes schießen, ob die Garnison sich vergrößert oder verringert hat, oder ob sie inzwischen statt der Knüppel Flinten tragen.[5]

Unerheblich ob nun die Castrop-Mengede-Netter-Kombination, das Castroper Pferderennen oder sonst eine Begebenheit für die Geburt der Wortschöpfung verantwortlich zeichnet. Die „Castropper Vereine“ wurden wie ein ordentlicher Verein geführt und blühten überall auf. Am 29. Juli 1894 ging das erste Verbandsfest in Wetter über die Bühne. Natürlich war ein solches Fest „Nichtgedienter“ den Kriegervereinen ein Dorn im Auge. Aber dennoch, mit Witz und Frohsinn wurden diese Feiern veranstaltet. Selbst das Militär hatte wohl nichts gegen derartige Festivitäten, sorgte doch das 8. Husaren Regiment aus Paderborn für den musikalischen Rahmen des Festes in Wetter/Ruhr.[6]

Unsere „Ulanen“ waren das Produkt eines einfallsreichen Mannes. Gisbert Bölling (1809   1876), als Sohn des Rentmeisters auf Haus Sandfort im Münsterland geboren, hatte sich zu einem geschickten Landwirt entwickelt und von 1835   1854 den Hof Plaas in Nette [7]  geführt. Als Pferdeliebhaber wird ihm mit anderen Landwirten auch die Veranstaltung des ersten Pferderennens in Castrop/Mengede zugeschrieben, welches in Groppenbruch stattgefunden haben soll. [8] Bölling war 18 Jahre Gemeindevorsteher in Nette, Mitglied des Kreistages und Landtagsabgeordneter des Provinziallandtages in Münster, betrieb als Mitglied eines Konsortiums eine Potthütte und eine Kalkbrennerei in Mengede [9]  und kam durch unternehmerische Fähigkeiten und Erfolge im Zuge des Eisenbahnprojektes Köln-Minden zu beträchtlichem Reichtum. Bölling gehörte auch der „Casino-Gesellschaft“ an, die das burgartige Wohngebäude mit zwei Türmen in Bahnhofsnähe errichtete, und erwarb Güter in Sachsen und in Schlesien. Es ranken sich manche Anekdoten um diesen Mann, die aber die Person nicht zeichnen können. Er war in Nette eine angesehene Persönlichkeit, wirkte im positiven Sinne für seine Gemeinde und diese verabschiedete 1854 ihren langjährigen Vorsteher nach Sachsen mit gebührendem Dank und dem Wunsch, „... daß ihm in seinem neuen Vaterlande gelingen möge, auch dort die Liebe, Achtung und das Vertrauen seiner Mitbürger zu erlangen wie er solches hier in vollem Maße besessen habe ...[10] “. Für eine Bürgschaft wurde er in später in Anspruch genommen, verarmte und starb am 15.09.1876 in Hörde. Zeit seines Lebens war er als origineller Zeitgenosse, ausgestattet mit einem sprühenden und witziges Geist, bekannt und ließ sich auf dem uns zur Verfügung stehenden Foto [11]  mit seinem Wahlspruch „Seid glücklich!“ fotografieren.

Die unterschiedliche Anzahl der Gerätschaften für das Vorhaben 1842 lässt auf bereits vorhandene Ausrüstungsstücke schließen z.B. für ein Schützenfest, welches aus dem Jahre 1825 in Mengede überliefert ist. Noch um die Wende ins 20. Jahrhundert zogen Mengeder Bürgerschützen ins Biwak, um für ihr großes Fest das Präsentieren der Holzgewehre zu üben. Vielleicht hatte um diese Zeit das Holzgewehr die Lanze des frühen Ulanencorps als „moderne Bewaffnung“ abgelöst. 

Fast vergessen ist der Marsch der Ulanen nach Dortmund. Mag der Aufmarsch der Ulanen zur Begrüßung des Königs noch akzeptiert worden sein, die „Castropper Husaren“ wurden kritischer betrachtet. Die frühere Stadt Castrop ließ die Husaren auf einem Notgeldschein mit ironischen Versen lebendig werden und die Stadt Castrop-Rauxel stellte in den Jahren zwischen den Kriegen eine kleine Holzfigur, angefertigt in Grünhainichen im sächsischen Erzgebirge, in den Dienst der allgemeinen Stadtwerbung.[12] 

Heute tragen die Autobusse der Schmudde KG den Namen „Castroper Husar“ über deutsche Straßen. Letzter Erinnerungswert einer Bürgeraktivität, die den Widerbegründern unseres Schützenvereins im Jahre 1949 wohl nicht geläufig war. Ein Ulanenregiment oder eine Husarenkompanie hätte sonst die Festzüge der neueren Bürgerschützengeschichte weiter bereichert.










[1] Besitzer der ehem. Gaststätte mit Saal „Mengeder Hof“, heute Wohnhäuser Freihofstr. 7 ? 11

[2] heute: Dortmund, Markt 6 - 8, Restaurant „Brinkhofs No l“

[3] Nr. 54 vom 25.03.1959, Beilage der Nord-West-Zeitung

[4] Der Abbruch der Gaststätte erfolgte im Zuge der Errichtung der Brücke über dem Bahnhof

[5] Heimatbuch zur 1100-Jahrfeier der Stadt Castrop-Rauxel, 1934

[6] Stadtarchiv Wetter (Ruhr); Akten Neues Archiv Nr. 766

[7] heute: Hof Tönnis, Obernette, Niedernetter Str. 66

[8] Kultur und Heimat Nr. ½-1969 (Cas), Seite 54

[9] Festschrift 1000 Jahre Mengede, Seite 88

[10] Protokoll der Gemeinderatssitzung Nette v. 12.12.1854; STA DO Best. 27 Nr. 43 a 1/1

[11] Kultur und Heimat, a.a.O.

[12] Kultur und Heimat, a.a.O., Seite 52

 
 
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