Heimatblätter 27 - Ostern 2010



Heimatblätter


Beiträge und Geschichten aus dem Stadtbezirk Mengede
Herausgegeben vom Heimatverein Mengede e. V.


Nr. 27 Ostern 2010 9. Jahrgang
EP 0,50 Euro





Mit diesem Bild und ähnlichen Zeichnungen war 
„Das offene Tor“ bestückt, die erste Fibel für
die I-Männchen zum Schulbeginn nach 1945

Liebe Leserinnen und Leser,

die Sonne hat in den vergangenen Wochen angedeutet, dass der Winter langsam aber sicher seinen Dienst quittieren muss. Wollen wir hoffen, dass uns schöne Ostertage bevorstehen, die wir dann sogar mit einem ausgedehnten Sparziergang in unserem Stadtbezirk abrunden können.

Wir wünschen Ihnen, Auch im Namen des Vorstandes des Heimatvereins Mengede e.V. angenehme und fröhliche Tage:

Frohe Ostern!

Ihre Heimatblätterredaktion




Die Themen dieser Ausgabe: • Neujahrskonzert 2010
• Als Eier noch verboten waren . . .
• Am "Schlagbaum" tut sich was
• Emscherumbau im Stadtbezirk
• "Platt"-es Missverständnis
• Geboren in Mengede
• 65 Jahre Frieden
• Impressum






Neujahrskonzert 2010


Begeisterung wieder groß Jugend-Sinfonieorchester gab Neujahrskonzert
Noch einige Tage zuvor hatte sich Wilfried Jürgens wegen des schleppenden Kartenverkaufs ernstlich Sorgen gemacht. Aber hinterher konnte er angesichts eines fast bis auf den letzten Platz ausverkauften Saalbaus nur noch strahlen. Auch unser diesjähriges (zweites) Neujahrskonzert mit dem Jugend-Sinfonieorchester aus Lüdinghausen war wieder ein voller Erfolg. Und sicher ist: Es gibt ein da capo im nächsten Jahr. Natürlich wieder mit einem neuen Programm.

Erste Bravorufe und viel Applaus gab es diesmal schon nach dem ersten Auftritt der 66 (!) Musiker im Alter zwischen 13 und 20 Jahren. Für sie musste auch diesmal wieder die Bühne vergrößert werden. 
Dr. Hans Wolfgang Schneider, der das Orchester seit 17 Jahren leitet, hatte diesmal „Musikalische Landschaften“ zum  Thema gemacht. Im ersten Teil standen Werke von Edvard Grieg, Joseph Haydn, Benjamin Godard und Carl Stamitz auf dem Programm. Nach der Pause folgten Melodien aus den Filmen „Die Buddenbrooks“, „Schindlers Liste“ und „New York, New York“, dessen Titelmusik - ursprünglich für Liza Minelli geschrieben - durch Frank Sinatra zum Welt-Hit wurde. 
Mit dem Buddenbrooks-Film verbindet das Orchester besondere Beziehungen: Regisseur Heinrich Breloer hat in Lüdinghausen Abitur gemacht. Wo er einst schlief, haben die jungen Musiker heute ihren Probenraum, und durch Breloer bekamen sie von dem Münchener Komponisten Peter Ströer die Exklusivrechte für dessen Filmmelodien. Schneider: „Außer uns darf sie sonst keiner aufführen.“ Mit solchen und weiteren Informationen erleichterte Schneider den Konzertbesuchern wieder den Zugang zu den Werken. 
Paul Gausepohl bedankte sich nach dem Konzert bei den jungen Musikern für einen „wunderschönen Abend, der viel zu schnell verklungen“ war. Blumen gab es unter Sonderapplaus für Dr. Schneider und für die Solistinnen Alexandra Plitt (Flöte); Vera Gahlen (Oboe) und Nina Funke (Violine).

Karlheinz Bohnmann








Als Eier noch verboten waren…


Ostern ist Ei-Zeit / „Meister Lampe“ hatte mehrere Konkurrenten
Sie gehören zu Ostern wie der Osterspaziergang und das (allerdings aus ökologischen Gründen inzwischen umstrittene) Osterfeuer: Die bunten Ostereier. Auch wenn man sie inzwischen das ganze Jahr über - ebenfalls bereits gefärbt - als so genannte Frühstückseier kaufen kann. Übrigens isst jeder Deutsche - vom Säugling bis zum Greis – durchschnittlich 310 der ovalen Hühnerprodukte im Jahr. Und wie gesagt: Ostern hat daran einen großen Anteil. 
Einer der Gründe dafür, dass zu Ostern so viele Eier gegessen werden: Sie gehörten früher während der Fastenzeit zu den verbotenen Speisen, so dass zu den Osterfeiertagen jede Menge davon in den Speisekammern als Leckerbissen auf ihren alsbaldigen Verbrauch warteten. Vor allem aber gilt das Ei schon seit dem Mittelalter als Sinnbild des keimenden Lebens. Es verheißt Fruchtbarkeit und Wiedererwachen der Natur nach einem langen Winter. Aber auch beim jüdischen Passahfest wurden seit jeher Eier verspeist. Im christlichen Abendland gehen die Bräuche um das Osterei auf die im 12. Jahrhundert von der Kirche eingeführte „benedicto ovorum“ zurück. 
Gefärbte Eier kamen erstmals Anfang des 16. Jahrhundert auf den österlichen Festtagstisch. Kinder hatten und haben noch immer ihre Freude daran, sie auf Wiesen oder unter Blumen und Sträuchern zu finden. Übrigens war es nicht überall der Hase, der sie angeblich versteckt hatte. In manchen Gegenden Deutschlands waren es der Hahn, der Kuckuck, der Fuchs oder Storch. Auch den Glocken auf ihrer Rückkehr aus Rom wurden die bunten Eier zugeschrieben. Doch längst hat sich der Osterhase als Eierbringer durchgesetzt. 
Ein Großteil der ovalen Hühnerprodukte kommt schon lange nicht mehr aus deutschen Nestern. Etwa 50 Prozent der in Deutschland verkauften Eier werden aus dem Ausland importiert. Übrigens ist es bei ihnen ähnlich wie bei einem guten Wein: Sie sollten nicht frisch aus dem Nest auf den Tisch kommen, sondern erst nach einer Lagerzeit von etwa sieben bis zehn Tagen. Sorgen um die Gesundheit muss man/frau sich nicht machen, denn bei Einhaltung der Kühlkette sind sie drei Wochen lang lagerfähig. 
Bleibt nur noch ein Problem übrig: Den Kindern klar zu machen, dass die bunten Eier, nach denen sie Ostern Ausschau halten, nicht aus dem Supermarkt, sondern von „Meister Lampe“ stammen.

Karlheinz Bohnmann





„Am Schlagbaum“ tut sich was


Mut hatte Patrick Birnbreier als er sich entschied, das „Wohnhaus Nr. 9 mit Backhaus am Schlagbaum von Mengede“ wieder zu einem schmucken Häuschen zu machen. Es werden noch viele Stunden vergehen, bis der Bauherr, seine Freundin und seine Helfer zur ersten Einweihungspartie auf das Werk anstoßen können, aber es wird werden! 

„Es war einmal“: Werkstatt (Düngemittellager), 
Trinkhalle und Tankstelle 
„Am Schlagbaum“ (etwa um 1928)

Was hat es aber mit dem Haus „Am Schlagbaum“ auf sich, woher kommt die Bezeichnung? Der kath. Pastor Rendfort notiert im Kirchenbuch 1808, dass ein Schlagbaum die Ländereien des Hauses Mengede bis zu Beginn des 19. Jh. vom Ort Mengede getrennt hat. Erst um diese Zeit änderte sich diese Situation, denn da wurde aus dem ehemaligen „Schattweg“, auf dem das Fahren nur bis zu den Mengeder Mühlen gestattet war, ein Fahrweg für die Öffentlichkeit. 
Melchior Jansen, der Erbauer dieses Hauses, war angestellter Holzknecht auf Haus Mengede und hatte in dieser Eigenschaft ein Grundstück vom Grafen Droste zu Vischering zugewiesen bekommen, um für sich und seine Nachkommen ein Wohnhaus auf eigene Kosten zu erbauen und im Stande zu halten. Nach dem notariellen Gewinnbrief vom 22. September 1773 wurde Melchior Jansen, Haus Mengederscher Holzknecht am Schlagbaum, an dem sog. Mühlenweg, dafür verpflichtet: jährlich einen Reichstaler zahlen und 4 Hühner zu liefern, jährlich 4 Hand- oder Fußdienste bei eigener Kost zu verrichten und wenn er brauen oder Branntwein brennen sollte, hatte er die rechtsmäßige Steuer zu entrichten. Weiter hatte er die Pflicht, wie auch seine Nachfolger, auf das im Revier seiner Wohnung vorhandene Gehölz, sonderlich der Fredde, dem Mittelkotten und Böhmershof fleißige Achtung zu geben. Bis zum vergangenen Jahr befand sich das Haus über viele Generationen im Besitz der Familien Jansen/Borgmann bzw. der Erben und daraus können wir schließen, dass die Herren auf Haus Mengede mit den Leistungen ihrer Holzknechte und späteren Förster immer zufrieden waren. Abgelöst wurden die Leistungen aus dem Gewinnbrief 1886. 
Die Mengeder kennen das Haus, die umgebenden Grundstücke und Gebäude gut und freuen sich auf die Zeit, in denen es wieder mit Leben erfüllt und ein gutes Zeugnis seiner Vergangenheit abgibt.

Franz-H. Veuhoff





Emscherumbau im Stadtbezirk


Sachstand Baumaßnahme Schaphusstraße:
Ende Februar 2010 waren rd. 12 Monate Bauzeit vergangen. Die Planung für die Gesamtmaßnahme belief sich auf 16 Monate. Leider hat auch unserer Baumaßnahme der lange, strenge Winter zu schaffen gemacht. Die oberirdisch stehende Maschinentechnik des Rohrvortriebs ist uns aufgrund der niedrigen Temperaturen eingefroren, so dass wir die Arbeiten erst am 19. Februar 2010 wieder beginnen konnten. Derzeit arbeiten wir hier am letzen Abschnitt des Kanals mit dem großen Rohrdurchmesser von 2,60 m innen. Dieser wird in der 9. KW 2010 fertig gestellt werden. Die Vortriebsmaschine wird dann umgerüstet, so dass sie ab der Woche nach Ostern in der Lage ist, die Strecke mit dem etwas kleineren Rohrdurchmesser von 2,40m innen, in der Dönnstraße aufzufahren. Dieser – rd. 410 m lange – Abschnitt wird dann ca. Mitte Mai fertig gestellt sein. 
Das Entlastungsbauwerk an der Emscher mit seinem Ausleitgraben zur Emscher hin wird im Rohbau etwa Mitte April fertig gestellt und ab Ende Mai betriebsbereit sein. Abschließende Arbeiten werden die Errichtung der Schachtbauwerke in der Dönnstraße und die Straßenwiederherstellung in der Dönnstraße und Schaphusstraße sein. 
Aufgrund der geschilderten Behinderungen durch den Frost gehen wir derzeit von einem Bauende Ende Juli / Anfang August aus. Wir werden aber alles tun, um dem geplanten Endtermin so nah wie möglich zu kommen. Hierzu sind bereits Beschleunigungsmaßnahmen in der Planung.

Carsten Machentanz





„Platt“es Missverständnis


Eine Anekdote aus der Franzosenzeit
Zwei Frauen, die sich unterhalten und ein kleines Kind, das an der Hand seiner Mutter zerrt, weil es sich langweilt und lieber zum nahen - von den Stadtwerken (heute DEW) aufgestellten - Trinkwasser-Brunnen möchte, verkörpern das jüngste Denkmal im Stadtteil Mengede. Standort ist die „Barriere“ zwischen „Am Amtshaus“ (früher Castroper Straße) und Mengeder Straße, vor dem Amtshauspark. Bei der Bronze-Gruppe handelt es sich um ein Geschenk der Sparkasse Dortmund. 
Ausgewählt wurde sie 1988 vom Kulturausschuss der Stadt Dortmund und von der Mengeder Bezirksvertretung. Insgesamt lagen 28 Entwürfe vor, von denen drei in die engere Wahl kamen. Favorit bei der Preisvergabe war der mit 2500 DM ausgezeichnete Entwurf des Bildhauers Enrique Asensi aus Wickede-Ruhr. Er stellte einen Artisten dar, der mit fünf Seilscheiben jonglierte. Mit seiner Vorstellung orientierte sich der Künstler an der Form des Trinkwasserbrunnens. 
Doch der Wickeder hatte sich zu früh gefreut. Denn die Entscheidung fiel schließlich ganz anders aus. Die Bezirksvertretung befürwortete nämlich am Ende die mit „nur“ 1000 DM dotierte Personengruppe des Gewinners des 3. Preises, Nikolaus Knupfer. 
Auch der Bildhauer aus Essen hatte den Brunnen bei seinem Entwurf, den er dann auch „Gespräch am Brunnen“ nannte, mit einbezogen. Im Text, mit dem er seine Vorstellungen erläuterte, hieß es wörtlich: „Zwei Frauen haben sich nach dem Einkaufen getroffen und erzählen ein wenig. Das kleine Kind findet den Trinkwasserbrunnen viel interessanter als das Gespräch der Mutter und schaut mit großen, neugierigen Augen hoch und folgt dem Wasserverlauf.“  
An ein plattdeutsch-französisches Missverständnis erinnerte sich die bekannte Mengederin Gerda Baberg, die heute in Bad Godesberg wohnt, aber den Kontakt zu „ihrem“ Mengede“ nicht abreißen lässt. Sie schildert eine Episode, die sich während der Ruhrbesetzung abgespielt hat: 
Ihr Vater ging fast jeden Abend auf „ein Bier“ in die Gaststätte Stein (Burghof), wo sich die „alten“ Mengeder zum Klönen trafen und die Ereignisse des Tages „verhackstückten“. Als es an einem solchen Abend ans Bezahlen ging, sagte einer der Gäste zu dem Wirt auf Mengeder „Platt“: „Louis, ek hew noch een te guet“. („Ich hab noch einen gut“). 
Einige ebenfalls anwesende französische Soldaten bekamen das in den falschen Hals. Sie glaubten statt: „een te guet“ den Namen ihres Generals Degoutte gehört zu haben, so dass es zu einem heißen Disput kam. Vermutlich blieb das Missverständnis ohne schlimme Konsequenzen, denn über das Ende des Streitgespräches ist Gerda Baberg nichts mehr in Erinnerung geblieben.
Karlheinz Bohnmann





Geboren in Mengede…


Dr. Karl-Friedrich Veuhoff:

In Süd-Amerika begann seine große Karriere

Nachdem die Heimatblätter vor einiger Zeit über die weltberühmte Mengeder Sopranistin Christel Goltz berichtet haben und danach über das enorme wissenschaftlich-literarische Schaffen der Mengederin Gisela Wohlgemuth-Berglund wollen wir nun die Aufmerksamkeit unserer Leser auf einen äußerst verdienstvollen „Mengeder Jungen“ lenken, der seine Verdienste auch weit außerhalb Mengedes und Deutschlands, nämlich in Südamerika erarbeitet hat. Es handelt sich um Dr. Karl-Friedrich Veuhoff, der als Sohn des Studienrates Wilhelm Veuhoff (bekannt u. a. als Organist in der kath. Kirche und als Autor plattdeutscher Geschichten), am 10.05.1926 geboren wurde.
Nach seiner russischen Kriegsgefangenschaft kehrte er 1945 nach Mengede zurück und begann nach dem Abitur das Studium der Germanistik und der romanischen Philologie an der Universität Münster. In diese Zeit, 1947-52, fällt auch sein im früheren Bekanntenkreis gern besprochener Aufenthalt in Mengede und seine Mitgliedschaft im Sansi-Club (nur den alten Mengedern heute noch bekannt). 
1952 legte er die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an höheren Schulen ab und promovierte 1954 zum Dr. phil.. Von da an verlieren sich seine Spuren in Mengede, denn er wurde als Dozent für Germanistik an die Universität Buenos Aires in Argentinien berufen. Gleichzeitig war er Lehrer, dann Direktor der wieder gegründeten Deutschen Goethe-Schule in Buenos Aires. 
1960 kehrte er nach Deutschland zurück und heiratete im selben Jahr die Deutsch-Argentinierin Elena geb. Elfers. 1962 flog er erneut nach Argentinien zurück, wiederum als Rektor der Deutschen Goethe-Schule. Nach einem zwischenzeitlichen Aufenthalt 1968/69 an einem Gymnasium in Essen (wobei er an der Barbarastraße in Mengede mit seiner Frau wohnte), wurde er 1969 an die Bundeszentralstelle für das Auslandsschulwesen in Köln berufen. Von 1973 - 78 zog es ihn abermals nach Argentinien. Er war in dieser Zeit Schulberater in der Deutschen Botschaft mit Zuständigkeit für die deutschen Schulen in Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay. 
Während dieser Zeit haben die Unterzeichnenden, die Dr. Veuhoff noch aus seinen Mengeder Zeiten kannten, wieder getroffen. Wir erinnern uns noch an die herrlichen Abende in einem Garten im Vorort Vicente Lopez von Buenos Aires, wo wir mit dem Bruder des Unterzeichnenden, der sein Büro auch in der Deutschen Botschaft hatte, unter dem Kreuz des Südens bei Vino tinto gesessen und von dem schönsten Ort der Welt geschwärmt haben: nämlich MENGEDE: 1978 kehrte er endgültig an die Bundeszentralstelle zurück, deren Präsident er 1986 wurde. 
Es gab wohl kaum deutsche Schulen in Lateinamerika, die er nicht und die ihn nicht kannten. Karl-Friedrich Veuhoffs Ruf in Buenos Aires und darüber hinaus bei Deutschen und Argentiniern war legendär. Ein Kollege schreibt über ihn: „Seine temperamentvolle kontaktive gewinnende Art, seine volltönende - um nicht zu sagen - dröhnende Stimme (Telefonate im Nebenraum musste man mithören), mit der er seine Überzeugungskraft nachdrücklich unterstreichen konnte, seine vollendeten Umgangsformen, sein enormes Wissen und Sachgedächtnis, nicht zuletzt seine selbstverständliche Herzlichkeit und Kollegialität gewannen ihm viele Freunde, die ihn intensiv und dankbar in Erinnerung behalten". 
Im Jahre 1990 trat er in den Ruhestand und ist am 17. August 1996 verstorben. Seine letzte Ruhestätte hat er gemäß seinem Willen auf dem katholischen Friedhof in Mengede gefunden.

Ingrid und Gerd Westphal






65 Jahre Frieden


Zeitzeugenbericht von Heinrich Kolöchter

Meine Eltern bezogen 1938 eine Wohnung im Vierfamilienhaus in der Donarstr. 24, Ecke Wodanstraße. Am 1. September 1939 begann der zweite Weltkrieg. Der erste Kriegstote, den Nette zu beklagen hatte, war der Bergmann Karl-Heinrich Kuznik (22), Knepperstr. 21 (heute: Walter-Schücking-Straße). Er fiel am 17. September vor Warschau und einen Tag später, am 18. September fiel der Bergmann Georg Sommer im Alter von 26 Jahren ebenfalls beim Polenfeldzug. Er wohnte in der Stinnesstr. 33 (Eugen-Richter-Straße). Für die Geburt ihrer 7 Söhne wurde unsere Nachbarin Frau Martha Matzmoor von der Donarstr. 22 am 17. Dezember 1939 mit dem Mütterehrenkreuz in Silber ausgezeichnet. 1942 wurde ich in die Schopenhauer / Schliemannschule eingeschult. Das war aber nur von kurzer Dauer, denn kurz darauf begann wegen zunehmender Luftangriffe mit Bombardierungen 1943 die Kinderlandverschickung. Unsere Klasse wurde ins Badische verschickt. Sie kam zum Bodensee zu Gasteltern nach Konstanz, Überlingen, Stockach und Meersburg. Bevor die große Fahrt aber losging, wurde von der Schulleitung noch zur großen Metallspende für den sogenannten Endsieg aufgerufen. Leider musste auch mein kleines Metallpferdchen aus Grauguss daran glauben. Außerdem jede Menge Bombensplitter, die in den umliegenden Straßen lagen. Wir mussten spenden, denn wer nicht spendete galt als verdächtig. 
In Nette wurde das Leben wesentlich vom Krieg bestimmt. Wenn die Dämmerung hereinbrach, musste man die Fenster verdunkeln, jeder Lichtstrahl hätte ja dem Feind ein Ziel bieten können. Für die Einhaltung dieser Vorschrift sorgten sogenannte Blockwarte. 1944 heulten die Sirenen beim Anflug feindlicher Bomber Voralarm, Hauptalarm und akuten Alarm. Beim Voralarm begab man sich in den Bunker, bei akutem Alarm hatte man keine Chance, den Bunker noch rechtzeitig zu erreichen, also musste man schnellstens den häuslichen Luftschutzkeller aufsuchen. 
Zur Abwehr war zwar an der Ellinghauser Straße und am Wodeacker eine sogenannte Heimatflak stationiert, ebenso am großen Aschenschutt in Nette, an der Hugostraße, Joachim Neanderstraße und der heutigen Spinnheide. Es war zwar beeindruckend, wenn die Dämmerung hereinbrach und sie mit ihren riesigen Scheinwerfern den Himmel nach feindlichen Flugzeugen absuchten, aber retten konnten sie nichts. 
1944 wurden die Luftangriffe immer größer und unser Leben vollzog sich weitgehend im häuslichen Luftschutzkeller bzw. im öffentlichen Bunker. Öffentlicher Bunker hieß bei Voralarm „ab in die Mengeder Alpen“. In dieser großen Halde hatten Bergleute Bunkerstollen gebaut, diese hatten Straßennamen u. a. Dönn-, Wodan- und Ammerstraße. In der Abteilung Donarstraße hatte auch unsere Familie ihre bestimmte Ecke. Die zahlreich niedergeworfenen Bomben führten dazu, dass in unserer Wohnung eine Zwischenwand einstürzte. Danach konnten wir vom ersten Stock direkt in unseren Kaninchenstall schauen. In Nette gab es den „Kleinen“ und den „Großen Aschenschutt“. Von der Bevölkerung wurden die brachliegenden Flächen als Müllkippe benutzt. Aus Furcht baute man auch Luftschutzbunker. Drei im Kleinen und drei im Großen Aschenschutt. Nette blieb leider nicht von Bombenabwürfen verschont. Volltreffer bekamen Häuser an der Herkules-, Brahms- und Händelstraße und sie brannten aus. Man konnte sich kaum aus dem Haus trauen. Die Angst ging um. 
Die „Jabos“, Jagdflieger, schossen auf alles was sich bewegte. So wurde am 5. April 1945 die Schülerin Waltraud Kastel von der Donarstaße 20 von Granatsplittern tödlich getroffen. Auch die 33-jährige Martha Giesenbauer wurde 1945 tödlich getroffen, als sie den Bunker in der Schlackenbahn der Hörder Hüttenunion in Nette als letzte verlassen wollte. 
Aber jede Katastrophe hat einmal ein Ende. So auch der unglückliche zweite Weltkrieg. Wie gesagt, unser Leben vollzog sich weitgehend im häuslichen Luftschutzkeller. Ich weiß es noch genau, als meine Mutter, es war Anfang April 1945, die Kellertreppe herunter rief: „sie sind da“, gemeint waren die ersten amerikanischen Soldaten. Sie kamen von Mengede über den Aschenschutt, der ihnen vermeintlichen Schutz bot. Meine Mutter eilte nach oben, um ein weißes Betttuch zu holen. Es war das Zeichen der Befreiung. 

Lagebesprechung auf dem „Aschenschutt“ 1941

Die Heimatflak hatte ihre Kanonen mit Rohrkrepierern unbrauchbar gemacht und war geflohen. Einen Tag nach der Vorhut kam der Haupttross der Amerikaner. Erstmals habe ich, damals 9 Jahre alt, einen farbigen Soldaten gesehen. Meine Verwunderung war natürlich riesengroß. Außerdem stand auf der gegenüberliegenden Seite unserer Wohnung Donarstraße 24 ein für mich damals riesiger Panzer. Die Augen kamen mir fast aus dem Kopf, als ich diese Kriegsmaschine sah. Die Amerikaner durchsuchten alle Häuser nach verstecken deutschen Soldaten. Meines Wissens haben sie aber niemanden gefunden. Gegenüber unserer Wohnung wohnte die Familie Deichmöller in der Wodanstraße 77/79. Die Wohnung war zufällig leer. Dort errichteten die Amerikaner ihre Kommandantur und gleich daneben auf dem Hof ihre Feldküche. Die Soldaten waren freundlich. Oftmals wurden Kleinigkeiten über unsere Hecke geworfen. Mal war es ein Tütchen Nescafé, mal eine oder zwei Zigaretten. Ich selber habe mit 9 Jahren erstmals Schokolade geschmeckt, geschweige denn Südfrüchte wie Bananen oder Orangen. Von dem Nescafé machte meine Mutter sogar noch den zweiten Aufguss. Nach einiger Zeit verließen uns die Amerikaner mit ihren Kriegsmaschinen. Mit dabei, wie schon erwähnt, der Panzer, der an der Ecke Donar-/Wodanstraße stand. Außerdem die drei Langrohrgeschütze, die in den Feldern hinter der heutigen Gaststätte „Sportklause“ Wodanstraße 26 standen. Mit dem Abzug der amerikanischen Soldaten beruhigte sich das Kriegsgeschehen in Nette, der Krieg war damit aber noch nicht zu Ende. An vielen Fronten wurde noch erbittert gekämpft. 
Mit der endgültigen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 wurden sämtliche Kampfhandlungen eingestellt und der zweite unglückselige Weltkrieg war zu Ende.
Heinrich Kolöchter




Impressum: Herausgeber: Heimatverein Mengede e.V. - Redaktion: Wilfried Jürgens, Adalmundstr. 16, 44359 DO (0231 - 33 56 29) und Franz-H. Veuhoff, Am Hohen Teich 14, 44359 DO (0231 - 33 76 90)

 
 
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